Wenn ich dir jetzt erzähle, dass ich jeden Abend um 20 Uhr mein Handy weglege, eine Stunde in mein Journal schreibe, anschließend meditiere und dann pünktlich um 22 Uhr schlafen gehe — dann lüge ich. Die Wahrheit ist etwas chaotischer, menschlicher und ehrlich gesagt viel interessanter.
Es gibt diese Abende, an denen ich tatsächlich alles richtig mache. Journal aufgeschlagen, Tee dampft, Stille. Und dann gibt es die anderen Abende, an denen mein Mann mitten in einem Film sanft fragt: "Schaust du eigentlich gerade zu?" — und die Antwort ist: nicht wirklich.
Beides gehört zu mir. Und ich habe aufgehört, das als Problem zu sehen.
Was wirklich passiert, wenn ich nach Hause komme
Der Abend beginnt bei mir nicht mit einem Ritual. Er beginnt mit dem Ankommen. Das klingt banal, ist aber der wichtigste Teil: das Umschalten von Funktionieren auf Sein. Dieser Übergang passiert bei mir nicht auf Kommando — manchmal brauche ich dafür zwanzig Minuten, manchmal zwei Stunden.
Was ich weiß: Warmes Essen hilft. Stille hilft. Das Sofa hilft. Und je nachdem, wie viel der Tag gefordert hat, entscheide ich erst dann, was der Abend noch braucht.
Das Journal — mein konstantestes Ritual
Das ist das Eine, das ich wirklich regelmäßig mache. Ich nehme mein Journal und halte fest, was wichtig war. Keine langen Aufsätze — manchmal nur drei Sätze, manchmal eine Seite. Ideen, Gedanken, was mich beschäftigt, was ich nicht vergessen will. Es ist weniger Tagebuch als Gedanken-Parkplatz. Und es hilft mir enorm, den Kopf frei zu bekommen bevor ich schlafen gehe.
Die Gewichte — wenn der Körper noch mag
Manchmal, wenn der Abend noch Energie übrig hat, hole ich die Gewichte raus. Keine große Einheit. Kein Trainingsprogramm das ich pflichtbewusst abarbeite. Einfach ein bisschen Kraft, ein bisschen Körpergefühl — weil es sich gut anfühlt und nicht weil ich muss. Und ja, das passiert auch gerne mal auf dem Sofa-Teppich, mit laufendem Podcast im Hintergrund.
Tee und Ruhe — die ehrlichste Version
Und dann gibt es die Abende, an denen ich einfach nur Tee koche und nichts tue. Keine Gewichte, kein Journal, kein Scrollen. Nur sitzen. Das passiert seltener als ich möchte — aber wenn es passiert, ist es das Wertvollste von allem. Der Körper weiß oft besser als der Kopf, was er braucht.
Das Kapitel mit dem Handy — ich bin ehrlich
Ich versuche, das Browsen auf dem Sofa abzugewöhnen. Das ist die Wahrheit. Nicht weil es jemand sagt — obwohl mein Mann sehr zu Recht und sehr liebevoll immer wieder feststellt, dass ein gemeinsamer Filmabend mit mir eine gewisse Portion Geduld erfordert. Wer neben mir sitzt, muss damit leben, dass ich regelmäßig Szenen verpasse, weil ich zwischendurch "kurz" etwas nachgeschaut habe.
Die Kurzfassung unserer Filmabende: Er schaut den Film. Ich schaue den Film, scrolle kurz, schaue wieder rein, frage was gerade passiert ist, bekomme eine Zusammenfassung, verspreche aufzuhören, scrolle noch mal kurz. Ende.
Ich sage das nicht um mich klein zu machen — sondern weil ich glaube, dass das viele kennen. Das Handy ist so gebaut, dass es gewinnt. Es ist schneller, bunter und befriedigender als Stille. Und trotzdem ist Stille das, was ich eigentlich will.
Also arbeite ich daran. Langsam. Mit Rückschlägen. Und mit einem Mann, der dabei sehr geduldig ist.
Was ich daraus gelernt habe
Das perfekte Abend-Ritual existiert nicht — zumindest nicht für mich. Was es gibt, ist ein Werkzeugkoffer: Journal, Gewichte, Tee, Stricken, warmes Essen, manchmal ein Film, manchmal ein Buch, manchmal einfach die Decke über den Kopf.
Was sich verändert hat: Ich entscheide bewusster. Nicht immer — aber öfter als früher. Ich merke schneller, wenn ich scrolle ohne wirklich zu wollen. Ich greife öfter zum Journal als zum Handy. Ich koche mir häufiger etwas Warmes anstatt gedankenlos zu snacken.
- Journal zuerst — bevor ich irgendwas anderes mache, drei Sätze schreiben. Das verändert den ganzen Abend.
- Handy in eine andere Ecke — nicht ausschalten, nicht dramatisch — einfach nicht in Griffweite.
- Entscheiden statt driften — aktiv wählen: Film ja oder nein? Gewichte oder Ruhe? Diese eine Frage macht einen Unterschied.
- Nicht jeden Abend optimieren — manche Abende sind zum Erholen da, nicht zum Verbessern.
Und falls du auch gerade neben jemandem sitzt der nicht wirklich zuschaut — sag ihm einfach, sie arbeitet daran. Mit viel Liebe. Und mit Journal.
Jeden Dienstag: dein Sofa-Brief
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