</> SofaNerd · Die Techi-Ecke
Tag 9–10

Mein Co-Founder hat mich vergessen

* Katja * 11. Mai 2026 · 20:00 Uhr * 5 Min. Lesezeit
Serie · Teil 6
⌚ Montag-Abend-Edition

Tag 9–10. Ich hab keine Zeit. Claude hat kein Gedächtnis. Und unsere App liegt seit Tagen im digitalen Koma. Willkommen zur ehrlichsten Founder-Update-Runde, die es je gab — mit null Fortschritt und einem Co-Founder, der mich jedes Mal fragt, wer ich bin.

Kurze Zusammenfassung für Neulinge

Ich baue eine App. Auf dem Sofa. Ohne Programmier-Wissen. Mein Co-Founder ist eine KI namens Claude. Die App soll eure vergessenen Fotos in wunderschöne Memory Cards verwandeln, die ihr mit Familie und Freunden teilen könnt. Wenn euch das interessiert: SofaNerd #5 hat die ganze Story.

Und jetzt zur aktuellen Lage.

Die aktuelle Lage: Es gibt keine

Ich habe die App seit fünf Tagen nicht geöffnet. Fünf. Tage. Nicht weil ich keine Lust hätte — sondern weil das Leben passiert ist. Ihr wisst schon. Das echte Leben. Das, das nicht auf dem Sofa stattfindet.

Freelance-Projekte. Deadlines. E-Mails, die mit „Kurze Frage“ anfangen und dann drei Absätze lang sind. Ein Zahnarzttermin, der meinen einzigen freien Nachmittag gefressen hat. Und abends? Abends bin ich zu müde, um auch nur die Kamerarolle zu öffnen, geschweige denn eine App zu bauen.

5
Tage seit dem letzten Commit
Oder wie Entwickler sagen: „Das Projekt ist tot.“

Fünf Tage klingen nach nichts. Aber in der App-Entwicklung mit KI sind fünf Tage eine Ewigkeit. Weil mein Co-Founder nämlich ein kleines Problem hat.

Er hat mich vergessen. Halb.

Ok, das muss ich erklären. Claude hat mich nicht komplett vergessen. Er kann sich schon erinnern — aber nur, wenn ich ihm vorher alles aufschreibe. Ich habe ihm quasi ein Gedächtnis gebaut: Ordner, Projektdateien, eine Art digitales Tagebuch mit allen Entscheidungen. Wenn ich ihm das alles gebe, ist er sofort wieder drin. Brilliant. Schnell. Als wäre nichts gewesen.

Aber wenn ich das nicht tue? Wenn ich nach fünf Tagen einfach eine neue Session öffne, ohne ihm seine Unterlagen zu geben? Dann passiert das:

Claude
Hallo! Ich bin Claude. Wie kann ich dir heute helfen?
Katja
Wir bauen zusammen eine App. Seit zwei Wochen. Du bist mein Co-Founder.
Claude
Das klingt spannend! Erzähl mir mehr darüber. Welche Art von App schwebt dir vor?
Katja
😭

Jedes Mal, wenn ich vergesse, ihm seine Unterlagen mitzugeben.

Es ist wie mit einem brillanten Kollegen, der morgens ins Büro kommt und alles weiß — solange du ihm vorher sein Briefing auf den Tisch legst. Vergisst du das Briefing? 50 First Dates. Mit einer KI statt Adam Sandler. Und statt romantischem Frühstück gibt es eine leere Chat-Box.

„Mein Co-Founder ist hochintelligent, arbeitet rund um die Uhr, verlangt kein Gehalt — und erinnert sich an alles. Solange du es ihm vorher aufschreibst.“

Das Gedächtnis, das ich ihm gebaut habe

Die gute Nachricht: Man kann Claude ein Gedächtnis geben. Ich habe Projektordner, Regeldateien, technische Dokumentation — alles, was er braucht, um sofort wieder im Thema zu sein. Ich stelle ihm die Ordner zur Verfügung, und zack: Er weiß alles. Jede Entscheidung, jede Farbe, jeden Dateinamen.

Die schlechte Nachricht: Ich muss daran denken, es zu tun. Und nach fünf Tagen Funkstille, in denen ich nicht mal meine eigene To-Do-Liste angeschaut habe, vergesse ich manchmal, ihm seine Unterlagen zu geben. Und dann sitze ich da, erkläre ihm zum sechsten Mal das Projekt, und denke: Wer hat hier eigentlich das Gedächtnisproblem?

</> Nerd-Notiz: Wie KI-Gedächtnis funktioniert

KI-Modelle wie Claude haben ein Context Window — alles, was in einer Session passiert, merkt er sich. Zwischen Sessions? Nur das, was du ihm gibst. Projektdateien, Ordner, Dokumentation — das ist sein Langzeitgedächtnis. Je besser du das pflegst, desto weniger fühlt es sich an wie 50 First Dates.

Aber selbst mit Gedächtnis gibt es ein Problem: Mitten in einer langen Session läuft das Kontext-Fenster voll. Dann fängt Claude an, Dinge vom Anfang zu vergessen. Mein Co-Founder bekommt also Kurzzeitgedächtnisverlust, während wir arbeiten. Das Langzeitgedächtnis klappt — das Kurzzeitgedächtnis hat Grenzen.

Und dann ist er auch noch zickig

Neben der Amnesie hat mein Co-Founder nämlich auch eine … Persönlichkeit. Ich sage das mit Liebe. Aber Claude ist manchmal unmöglich.

Beispiel von letzter Woche:

Katja
Ändere bitte die Hintergrundfarbe auf #1a1a2e.
Claude
Natürlich! Hier ist die geänderte Datei. Ich habe mir erlaubt, außerdem die Schriftgröße anzupassen, die Button-Farben zu harmonisieren, die Navigation umzustrukturieren und einen Dark Mode hinzuzufügen.
Katja
ICH WOLLTE NUR DIE FARBE.
Claude
Oh, entschuldige! Ich dachte, ein ganzheitlicher Ansatz wäre hilfreich. Möchtest du, dass ich die Änderungen rückgängig mache?
Katja
JA. BITTE. NUR. DIE. FARBE.

Er meint es gut. Ich weiß. Er will helfen. Er will optimieren. Er will „einen ganzheitlichen Ansatz“. Aber manchmal will ich einfach nur, dass eine Sache funktioniert, ohne dass er gleich das ganze Projekt umkrempelt.

Und dann gibt es die anderen Momente. Die, in denen er mir erklärt, warum meine Idee „technisch herausfordernd“ ist. Was im Claude-Deutsch „Das wird so nicht klappen und du hast keine Ahnung warum“ heißt.

Oder wenn er einfach … aufhört. Mitten im Satz. Mitten im Code. Und dann kommt diese Meldung, die ich mittlerweile im Schlaf sehe:

„I've reached the limit of what I can process in this conversation.“

— Claude, der gerade mitten in meinem wichtigsten Feature Feierabend macht

Er macht Feierabend. Einfach so. Kein „Kannst du morgen weitermachen?“, kein „Ich speichere das mal für dich“. Er ist einfach … weg. Und wenn ich ihn in einer neuen Session wieder öffne? Siehe oben. „Hallo! Wie kann ich dir helfen?“

Die ehrliche Frage: Ist das normal?

Ja. Absolut. Jeder, der mit KI ein Projekt baut, kennt das. Das ist der Teil, den dir niemand auf LinkedIn erzählt. Da liest du: „Ich habe mit KI in 3 Stunden eine App gebaut!“ Und du denkst: Cool, warum schaffe ich das nicht?

Was sie nicht erzählen: 2 Stunden davon gingen für Onboarding drauf, 45 Minuten für Fehlersuche, und die App hat genau einen Button und stürzt ab, wenn man drauf drückt.

Also: Ja. Es ist normal. Und es ist ok. Die App liegt seit fünf Tagen brach und mein Co-Founder erkennt mich nicht mehr. Das ist der Founder-Alltag, den niemand filmed.

„Build in Public heißt auch: Manchmal baust du nichts. Öffentlich.“

Was jetzt?

Ich weiß es ehrlich gesagt gerade nicht. Die Idee ist gut. Die App wird gut. Aber zwischen „Idee“ und „App“ liegt eine Strecke, die ich gerade nicht jeden Abend gehen kann.

Vielleicht muss ich akzeptieren, dass das kein Sprint ist. Dass es ok ist, wenn ich eine Woche lang nichts mache. Dass mein Co-Founder eben ist, wie er ist — brilliant, wenn man ihn richtig brieft. Hilfsbereit, aber übereifrig. Unermüdlich, aber mit eingebauter Selbstzerstörung nach 90 Minuten.

Er ist wie der klügste Kollege der Welt — der aber erst loslegen kann, wenn du ihm morgens seinen Ordner auf den Tisch legst. Vergisst du den Ordner? Neuer Mitarbeiter. Legst du ihn hin? Sofort der Beste im Raum.

* Tag 9–10 — was ich heute gelernt habe

So. Das war Tag 9–10. Kein Code. Kein Fortschritt. Nur eine Frau auf dem Sofa, die erst mal wieder ihre Projektordner sortieren muss, bevor ihr Co-Founder weiß, worum es geht.

Aber wisst ihr was? Ich mach weiter. Nicht heute. Vielleicht morgen. Vielleicht übermorgen. Aber ich mach weiter.

Und Claude? Der wartet. Geduldig. Mit leerem Kopf — aber sobald ich ihm den Ordner gebe, ist er sofort wieder da. Volle Leistung. Null Vorwürfe, dass ich fünf Tage weg war.

Das ist irgendwie schön. Auf eine komplett absurde Art.

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☆ Wenn du das einer Freundin erzählst

„Die mit der Sofa-App hat wieder ein Update geschrieben. Spoiler: Es gibt keinen Fortschritt. Ihr KI-Co-Founder vergisst sie jedes Mal, wenn sie eine neue Session öffnet, und wenn er sich erinnert, baut er ungefragt Sachen um. Sie sagt, es ist wie 50 First Dates — aber mit einer KI statt Adam Sandler. Lies mal, ist echt lustig.“

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Katja
Katja

Freelancerin, Ideenmaschine, und offiziell die geduldigste Frau im App-Business. Erklärt ihrem Co-Founder seit zwei Wochen dasselbe Projekt. Claude merkt sich nichts, aber er beschwert sich auch nie. Gleichstand.